Mittwoch, 17. Dezember 2003

Schon komisch
Wenn man am Meer ist, setzt man sich hin und schaut raus. Man guckt den Wellen zu, dann ist alles ok. Mehr braucht man nicht.

Wenn man dagegen in Israel am Meer ist, und man hatte einen dieser kranken Aufträge, irgendwas in einer gottverdammten Gegend zu machen, wo die Steine fliegen und der Rauch noch nach Stunden in der Lunge ätzt, also all den Scheiss, den man sich antut, weil jemand muss es halt machen und dazu schicken sie einen rein

- wenn man da drin war, weil es angeblich wichtig ist die Welt oder zumindest ein paar zehntausend Leute über den Irrsinn zu informieren, bevor die nächste News alles wegspült

- wenn man objektiv bleiben soll, aber um sein Leben rennen ist so verdammt drecksbeschissensubjektiv, und das lernt man in keiner Journalistenschule, sondern man rennt weil alle anderen auch rennen

- wenn man dann zurückkommt ins Hotel und sich fragt, hey fuck, das sind nur ein paar bekiffte Kilometer zur Martyrers Crossing, und ein paar Kilometer weniger an einer anderen Kreuzung jagen sie die Busse in die Luft

- wenn man tierisch Hunger hat aber nach der Scheisse echt nichts runter bringt, wie die Profis nebenan, und man denkt nur, worauf hab ich mich da eingelassen, Micha Bar Am hatte Recht, nicht Krieg ist schlimm, die Stunden danach sind der Horror

- dann setzt man sich an diesen Strand und schaut raus, um sich nicht umdrehen zu müssen, dorthin, wo diese ganze Scheisse ist, und die nichts, kein Friedensvertrag und keine abgebaute Siedlung je beenden wird, und erst recht kein objektiver Bericht, kannste vergessen, wird niemals. Da wird das Gucken zur Sucht. Und so ein Hund lenkt dann echt gut ab.

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GeSCHASst
Während hiezulande die CDU trotz brutalstmöglicher Spendenskandele immer noch das Parteienspektrum bevölkert, haben ähnliche Parteien in Israel massive Probleme: Die religiöse Schas-Partei flog nach der letzten Wahl und einer ganzen Serie von Korruptionsfällen aus der Regierung. Ausserdem liefen ihr die Wähler in Scharen davon. Dann stellte sich noch das geistige Oberhaupt hin und verhöhnte Terroropfer.

Wer zu blöd ist, den bestraft das Leben. Im Ergebnis ist Schas jetzt gezwungen, zur Deckung der laufenden Ausgaben die eigene Parteizentrale zu verhökern.

Na denn - merry Chanukka in der neuen Absteige.

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Luther eine buttern
Tschüss, Spiegel, aus der Reihe der seriösen Medien und willkommen in der Gosse, gleich neben Superillu und Guido-Knopp-Reportagen...

Luther - Abschied vom Mittelalters, steht auf dem Cover, und drin wird so getan, als könnte man den Zeitenwechsel an dem Augustinermönch festmachen. Historiker, die nicht im Sold der Evangelen stehen oder sonstwie ideologisch vorbelastet sind, kriegen bei solchem Schwachsinn das kalte Kotzen, allein schon wegen der Begriffsverwirrung. Unabhängig von der schludrigen Verwendung des Begriffs Medii Aevi wird das Thema plattgehauen, als gings nochmal um das Schmieden der Nägel für Kirchtürerlässe.

Besonders wiederwärtig sind 2 Dinge: Die Reduktion einer grossen Bewegung und des Vordenkers Melanchthon zugunsten eines antisemitischen Pfäffleins, der durch die Jahrhunderte seine Popularität seiner Gossenschriften verdankte, und eben nicht einer sauberen, intellektuell radikalen Argumentation wie Melanchthon. Luther ist zu Melanchthon das, was Jörg Haider zu Heiner Geissler ist.

Zum anderen die Schilderung des Mittelalters: Das, was heute allgemein mit finsterem Mittelalter verbunden wird - Folter, Hexenverbrennung, Elend in den Dörfern, Seuchen, Hungersnöte - ist eher Neuzeit denn Mittelalter. Das Mittelalter war ab den Saliern des 11. Jahrhunderts eine ökonomische und philosophische Boomphase, der selbst die Pest nicht allzu viel anhaben konnte.

An den spät einsetzendenden Klimaveränderungen der sog. kleinen Eiszeit ist Luther nicht schuld, aber mit ihm und seinem Schweizer Kollegen Zwingli haben sich in der Reformation zwei Typen als Hauptfiguren durchgesetzt, die der Bewegung eine tragische Richtung gaben: Eine bigotte, dumpf-reaktionäre und negative Auffassung von Mensch und Staat, die sich im Kern auf das De Civitate Dei von Augustinus aus dem 5. Jahrhundert berief - und das ist nun wiederum eine Ideologie, die hierzulande verfassungsfeindlich wäre und schon im Mittelalter weitgehend überwunden wurde.

Anders gesagt: Luther war der Knilch, der ein gutes Jahrtausend Diskussionen und philosophische Konzepte wegkippte und zurückging in das 5. Jahrhundert. Gehen Sie direkt zur Katastrophe. Gehen Sie nicht über kluge Köpfe wie Marsilius von Padua oder Agricola Pelagianus, ziehen sie keine philosophische Erkenntnis ein.

Machen Sie einfach alle Fehler nochmal, es spielt keine Rolle, nach nur 500 Jahren kommen wieder so ein paar Schreiberlinge und stellen sie in ein gutes Licht.

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